A K T U E L L E S
Z A H N A E R Z T E K A M M E R . A T
ÖZZ Ausgabe 1/2026
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W I S S E N S C H A F T L I C H E F O R T B I L D U N G
Z u m H e r a u s n e h m e n u n d S a mm e l n
Angstbewältigung im Kontext
moderner Zahnmedizin
Diemoderne Zahnmedizin undOralchirurgie stehen heute vor der
Aufgabe, nicht nur technisch perfekte Behandlungen anzubieten,
sondern auch die psychische Dimension der Patientenversor-
gung ernst zu nehmen. Angstpatient:innen stellen dabei keine
Ausnahme, sondern eine große Gruppe dar. Statistisch gesehen
begegnet jede Praxis regelmäßig Menschen mit Spritzenangst –
viele davon unerkannt, weil sie ihre Angst schamhaft verbergen.
Die Integration von angst-sensiblen Prozessen ist daher ein
wesentlicher Bestandteil moderner Behandlungsstandards.
Dazu gehören klare Abläufe im Team, spezielle Schulungen für
das Personal und ein Praxisumfeld, das Sicherheit vermittelt.
Schon kleine Anpassungen können einen Unterschiedmachen:
ein eigener Termin-Slot für Angstpatient:innen, beruhigende
Wartebereiche oder die Möglichkeit, vertraute Personen mit-
zubringen.
Kinder und Jugendliche:
Prävention von Spritzenangst
Besondere Aufmerksamkeit verdienen Kinder und Jugendliche.
Viele Phobien entstehen in der Kindheit. Negative Erfahrungen in
dieser Phase können den Grundstein für jahrzehntelange Ängs-
te legen. Deshalb sollten Kinderbehandlungen mit besonderer
Sensibilität erfolgen.
Sanfte Aufklärung
: Kindern wird erklärt, was passiert – al-
tersgerecht, ohne Überforderung.
Positive Erfahrungen schaffen
: Auch kleine, schmerzfreie
Prozeduren werden als Erfolg hervorgehoben („Du hast das
toll gemacht“).
Vorbildfunktion der Eltern
: Eltern sollten in ihrerWortwahl
darauf achten, keine eigenen Ängste zu übertragen („Das tut
gleich weh“ wirkt angstverstärkend).
Wer es schafft, Kindern frühzeitig positive Erlebnisse mit Sprit-
zen zu vermitteln, betreibt wirksame Prävention gegen spätere
Phobien.
Interdisziplinäre Zusammenarbeit
Trypanophobie betrifft nicht nur Zahnärzte. Auch Hausärzte,
Fachärzte und Pflegepersonal sind täglich mit der Problematik
konfrontiert. Umso wichtiger ist es, interdisziplinäre Netzwerke
zu knüpfen. Überweisungen zu Psychotherapeut:innen, gemein-
same Fortbildungen und strukturierte Kommunikationswege
können die Versorgung deutlich verbessern.
Literatur bei der Autorin
Korrespondenz
Dr. Nina Psenicka
, Oralchirurgin, Dozentin, Bestsellerautorin, Coach und
Keynote-Speakerin
Arnheimer Str. 14, Deutschland
info@dr-psenicka.com,
www.dr-psenicka.comFür schwer betroffene Patient:innen ist ein abgestuftes Vorgehen
sinnvoll: Erst psychotherapeutische Vorbereitung, dann medi-
zinische Eingriffe – begleitet durch Sedierung oder begleitende
therapeutische Interventionen.
Digitalisierung und Zukunftsperspektiven
Die Digitalisierung eröffnet neue Chancen in der Angsttherapie.
Virtuelle Realität (VR) kann heute Expositionsszenarien reali-
tätsnah simulieren – vomAnblick einer Spritze bis hin zum kom-
pletten Praxisablauf. Erste Studien zeigen vielversprechende Er-
gebnisse: Patient:innen, die in virtuellen Umgebungen trainieren,
bewältigen reale Situationen schneller und mit weniger Angst.
Auch Telemedizin bietet Möglichkeiten: Kurze Videogespräche
vor dem eigentlichen Termin können Ängste abbauen und Ver-
trauen schaffen. Patienten fühlen sich besser vorbereitet, wenn
sie den Behandler schon einmal „kennengelernt“ haben.
Gesellschaftliche Bedeutung
Spritzenangst ist mehr als ein individuelles Problem. Wenn
Menschen notwendige Impfungen meiden oder Vorsorgeunter-
suchungen aus Angst verweigern, betrifft das die gesamte Ge-
sellschaft. Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Impf-
bereitschaft ist – und wie hinderlich Ängste in diesem Kontext
sein können.
Eine enttabuisierte, empathische Auseinandersetzungmit Sprit-
zenangst ist daher auch ein Beitrag zur öffentlichen Gesundheit.
Resümee
Trypanophobie ist eine Herausforderung – für Patient:innen, für
Behandler:innen, für das Gesundheitssystem. Doch sie ist kein
unüberwindbares Hindernis. Mit Verständnis, Empathie, wissen-
schaftlich fundierten Methoden und moderner Technik können
wir Menschen helfen, ihre Angst zu überwinden.
Jede gelungene Behandlung ist dabei nicht nur einmedizinischer
Erfolg, sondern auch ein psychologischer Meilenstein. Und sie
zeigt: Angst darf Platz haben – aber sie darf uns nicht daran hin-
dern, gesund zu bleiben.




