Z A H N A E R Z T E K A M M E R . A T
ÖZZ Ausgabe 1/2026
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Aus evolutionsbiologischer Sicht lässt sich dieses Phänomen
nachvollziehen. Unser Körper ist darauf programmiert, Verletzun-
gen – und damit Blutverlust – unbedingt zu vermeiden. Nadeln
symbolisieren für viele Menschen diese Gefahr in konzentrierter
Form. Das Schmerzgedächtnis verstärkt diese Reaktion zusätz-
lich: Wer eine besonders schmerzhafte Blutabnahme oder Imp-
fung in der Kindheit erlebt hat, speichert dieses Erlebnis oft ein
Leben lang als Bedrohung ab.
Auch kulturelle Faktoren spielen eine Rolle. In manchen Gesell-
schaften wird medizinisches Handeln mit Transparenz und Ver-
trauen vermittelt, in anderen überwiegenMisstrauen und Angst.
Kinder, die in einem Umfeld aufwachsen, in dem Spritzen mit
Schrecken verbunden sind, übernehmen diese Haltung häufig
unreflektiert.
Das Ergebnis ist eine Phobie, die weit über eine normale Abnei-
gung hinausgeht. Betroffene erleben Herzrasen, Schweißaus-
brüche, Schwindel, Hyperventilation oder Ohnmacht – allein
beim Gedanken an eine Injektion.
Persönliche Perspektive –
zwischen Behandlerin und Betroffener
In meiner Tätigkeit als Oralchirurgin habe ich tausende Male
selbst Injektionen gesetzt. Trotzdem litt ich viele Jahre unter
massiver Spritzenangst. Diese paradoxe Situation – gleichzeitig
Expertin und Betroffene zu sein – hat mein Verständnis für die
Problematik nachhaltig geprägt.
Ichweiß, wie irrational die Angst wirkt, und dochwie real sie sich
anfühlt. DiesesWissen hat mich dazumotiviert, tiefer nachwirk-
samen Strategien zu suchen. Aus dieser doppelten Perspektive
ist mein Buch „Angst vor dem Spritzen verlieren“ entstanden,
das bereits zahlreichen Patient:innen geholfen hat.
Die Botschaft, die ich in der Praxis und in Vorträgen vermittle,
lautet: Trypanophobie ist keine Schwäche. Sie ist eine ernsthafte
psychische Störung, die – wie jede andere – gezielt behandelt
werden kann.
Medizinische Relevanz
Die gesundheitlichen Folgen der Trypanophobie sind oft unter-
schätzt. Sie betreffen nicht nur den einzelnen Patienten, sondern
haben auch Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit.
Impfungen
: Versäumte Schutzimpfungen erhöhen das Risiko
für die Ausbreitung vermeidbarer Infektionskrankheiten.
Blutuntersuchungen
: Unterlassene Diagnostik verzögert die
Entdeckung chronischer Erkrankungen wie Diabetes, Anä-
mien oder hormoneller Störungen.
Zahnmedizinische Behandlungen
: Patienten vermeiden Fül-
lungen, Wurzelkanalbehandlungen oder chirurgische Eingrif-
fe – bis aus einer überschaubaren Situation ein komplexes
Problem wird.
SystemischeRisiken
: ChronischeEntzündungen imMundraum
können Herz-Kreislauf-Erkrankungen, rheumatologische Be-
schwerden oder diabetische Entgleisungen begünstigen.
In der Oralchirurgie betrifft das fast jeden Eingriff, da Lokalanäs-
thesien unverzichtbar sind. Die Spritzenangst kann dazu führen,
dass Patient:innenTermine kurzfristig absagen oder sich erst vor-
stellen, wenn die Situation akut und schmerzhaft geworden ist.
Psychologische Mechanismen –
der Teufelskreis der Angst
Trypanophobie ist viel mehr als die Angst vor Schmerz. Dahinter
stehen komplexe psychologische Mechanismen:
Kontrollverlust
: Der Patient sitzt imBehandlungsstuhl, kann
nicht fliehen, hat das Gefühl, ausgeliefert zu sein.
Traumatische Erfahrungen
: Eine schmerzhafte Impfung in
der Kindheit oder eine negative Erfahrung beim Zahnarzt
können sich tief einprägen.
Beobachtungslernen
: Kinder übernehmen unbewusst die
Ängste ihrer Eltern oder Geschwister.
Fehlende Aufklärung
: Unwissenheit über den Ablauf ver-
stärkt die Angst vor dem Unbekannten.
Aus diesen Faktoren entsteht ein Teufelskreis: Die Angst führt
zur Vermeidung, die Vermeidung verstärkt die Angst. Mit jeder
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