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Z A H N A E R Z T E K A M M E R . A T

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ÖZZ Ausgabe 1/2026

D A M A L S & H E U T E

Ein Auszug zur Bewerbung von Prothesen:

Heutzutage (Anm.: 1883) gibt es blos [sic!] künstliche Mi-

neralzähne, welche aus dem feinsten Porzellan verfertigt

werden. Dieselben sind den natürlichen Zähnen täuschend

ähnlich, viel dauerhafter als diese selbst und in so vielen

Farben (circa 1500) Formen und Größen, daß [sic!] man bei

noch imMunde vorhandenen einzelnen Zähnen stets ganz

gleich anstehende und gleichgeformte künstliche Zähne

auswählen kann. …Verbundenwerden die künstlichen Zäh-

ne untereinander mit Gold, Kautschuk, Celluloid u.s.w. Die

günstigste Zeit für den künstlichen Zahnersatz ist, sobald

als möglich [sic!] nach dem Verluste der eigenen, wenn es

die Verhältnisse des Mundes [...] gestatten. Ein Zahnloser

kann den Mund nicht richtig schließen, weshalb ihm beim

Sprechen und Essen Kiefer und Muskeln ermüden […].

Aus: Neues Wiener Tagblatt, 17.08.1883. Nr. 225, S. 10.

Werth der eigenen und

künstlichen Zähne

Quellen

1. BOS: Le Chirurgien Dentiste.URL

:https://bos.org.uk/museum-and-archive/

online-exhibitions/le-chirurgien-dentiste-pierre-fauchard/

2. Mombert, Moritz: Memorabilien fürÄrzte. Journal derpractischenArzney-

kunde und Wundarzneykunde. 1835. Bd. 80, S. 42ff.

3. NN: Ein lukratives Geschäft. ZM Online. 20/2013.

4. NN: Geschichte Zahnersatz. DentNet. URL:

https://www.dentnet.de/

ratgeber/geschichte-des-zahnersatzes

5. NN: Von gelehrten Leuten. Wiener Zeitung. 17.04.1734. S. 15

6. Salz, Melanie: Pierre Fauchard. Coliquio. 2024.

danach kaumnochmöglichwar. Daher kamen Chirurgen dieser

Zeit auch auf die Idee, den Oberkiefer für die Befestigung von

Zähnen zu durchbohren. Exakt diesemTreibenwollte Fauchard

mit der Erfindung eines zusammenhängenden Gebisses, das an

den eigenen Zähnen des Unterkiefers angebracht wurde, und

sich dank der Zugkraft einer Feder an den Oberkiefer presste,

ein Ende bereiten – und dasmit Erfolg. Mit Fauchards Prothese

konnten Patient:innen sowohl essen als auch sprechen.

Die Zähne der Gefallenen

Keine 100 Jahre nach dieser ersten Anleitung für einen künstli-

chen Zahnersatz sorgten die so genannten „Waterloo-Zähne“ für

einen neuen Aufschwung der Prothetik. Dahinter stand jedoch

eine recht fragwürdige Praxis: Tausenden gefallenen Soldaten

des Russlandfeldzugs (1812), der Völkerschlacht bei Leipzig

(1813) und den Kämpfen gegen Napoleon (1815) wurden die

Zähne gerissen, um sie einerseits zur Herstellung von Prothesen

zu verwenden oder andererseits den Patient:innen direkt einzu-

setzen. In der Prothesenherstellungwurden siemit Metallstiften

in einemElfenbeinbett befestigt. Es überrascht kaum, dass diese

kostspielige „Human-Prothetik“ in erster Linie zahlungskräftigen

Patient:innen vorbehalten bleib, darunter niemand Geringerem

als dem US-Präsident George Washington.

Ein entschiedenerGegner der allogenenTransplantation – sowohl

von toten als auch von lebendigen Zähnen – war der deutsche

ArztMoritzMombert (1799 – 1859). Mombert, der seit den 1820er

Jahren inWanfried an derWerra inHessen alsArzt niedergelassen

tätig war, stieß mit seiner kritischen Haltung ins gleiche Horn

wie die zeitgenössische Medizin, die die Transplantation auf-

grund ihres lediglich temporären Erfolgs ablehnte. „Setzt man

nun statt der lebendigen Zähne [sic!] Zähne ein, d. h. solche, die

auf Schlachtfeldern gesammelt, schon lange Zeit in Spiritus oder

auch trocken aufbewahrt worden, so kann man zwar einen aus-

suchen, dessen Wurzel mit der des eben ausgezogenen Zahnes

die meiste Aehnlichkeit hat, und die Handlung verliert viel von

ihrem Schauerlichen, indem keine blutige Operation bei einem

Unschuldigen vorherzugehen braucht, aber dem ungeachtet ist

sie auch hier zu widerrathen, indem die Verpflanzung der [sic!]

Zähne noch seltener gelingt als die der lebendigen. Es sollte daher

dieTransplantation der Zähne ganz untersagt, amwenigsten aber

herumreisenden Zahnoperateuers gestattet seyn, die, nachdem

sie die Operation verrichtet, wegreisen, und sich um den Erfolg

weiter nicht bekümmern“, forderte Mombert.

Porzellan kommt in Mode

Diese Prothetik mit menschlichen Zähnen wurde erst in den

1840er Jahren durch Porzellanzahnprothetik weitgehend abge-

löst. Abermals lieferten Franzosen eine Vorlage, dieses Mal ein

Apotheker namens Alexis Duchateau (1714 – 1792). Den Weg in

die Zahnarztpraxis fanden sie dank der ersten Anwendungsver-

suche durch den Zahnarzt Nicholas Dubois de Chemant (1753 –

1824). Schnell war der augenscheinlichste Vorteil gegenüber den

Elfenbeinprothesen klar: Sie waren säurebeständig. Diese Che-

mant-Prothese übertraf alle Erwartungen, vor allem weil deren

Träger:innen imGegensatz zuTräger:innen vonWalroßbein-Pro-

thesen nicht mehr gezwungen waren, ihre Zähne beim Essen

herauszunehmen. Der amerikanische Zahnarzt Mahlon Loomis

(1826 – 1886) entwickelte den Zahnersatz weiter, indem er ein-

zelne Porzellanzähne in Umlauf brachte. Dennoch blieben allen

Fortschritten zum Trotz – möchte man meinen – auch noch in

den 1860er Jahren die „Waterloo-Zähne“ für die zahnärztliche

Verwendung verfügbar. Der Grund: Auch Kriege blieben an der

Tagesordnung. In diesen Jahrzehnten stammten die Zähne von

Gefallenen der Schlacht von Solferino (1859) und demKrimkrieg

(1853 – 1856). Erst in den 1880er Jahren nahm der Handel mit

menschlichen Zähnen ab. Das lag neben derWeiterentwicklung

von Ersatzstoffen vor allem an der Genfer Konvention, die 1864

einen humanen Umgang mit Kriegsgefallenen regelte. Die Haa-

ger Landkriegsordnung von 1907 beendete schließlich jegliche

Leichenfledderei.